Yokomono - Das Staalplaat Soundsystem
Wer kennt sie noch, die stundenlangen und mühseligen Versuche des Vaters, die Zimmerantenne des Radios so auszurichten und hinzubiegen, dass die Familie am Abend die öffentlichen Rundfunksendungen hören konnte? Gequält von zwirbelnden Klängen und dichtem Rauschen, wagte niemand, sich von der Stelle zu rühren. Die Antenne hing provisorisch mal am Fensterkreuz, mal machte sie der Küchenuhr den Platz streitig oder es wurde für sie eigens ein Gerüst errichtet, um einen einigermaßen störungsfreien Empfang zu gewährleisten. Dies alles, memoriert schließlich als ein doch ganz amüsantes Spektakel und ein Ereignis häuslicher Bewegung, ist Teil einer nunmehr circa hundertjährigen Historie des Radios und einer facettenreichen Mediengeschichte mit rasanter technischer Entwicklung.
Yokomono macht aus der dieser Not eine Tugend, aus der Alltagserfahrung ein ästhetisches Erlebnis. Inspiriert von den Überlagerungen verschiedener Radiosender bei einer Autofahrt um den Fernsehturm am Berliner Alexanderplatz kreierten Geert-Jan Hobijn (NL) und Carsten Stabenow (GER) gemeinsam mit Pedro Bericat (E) für das Festival format5 – signaturen elektronischer klangkunst der singuhr-hœrgalerie in parochial in der nahegelegenen Parochialkirche in Berlin (2001) ein Soundsystem, welches das Chaos der Signale aus dem heiß frequentierten Großstadtäther in verdichteter Form vor Ohren führte. Ein Hörbild wurde erzeugt, das eine wohl einmalige innerstädtische Situation spiegelte. Vorbei an diversen ächzenden, alten Transistorradios und präparierten Küchengeräten zogen in der singuhr-hœrgalerie in parochial zwei Modelleisenbahnen ihre Kreise. Beladen mit weiteren auf Empfang geschalteten Radios, verursachten diese im Rausch der Geschwindigkeit elektromagnetische Irritationen. Sie fungierten als Störelemente wie auch die Besucher der Galerie, welche sich durch die Szenerie schlängelten. Zu hören waren Fragmente laufender Radioprogramme, gewichtige Wortfetzen und ein Potpourri an alltäglicher Unterhaltungsmusik.
Diesem akustischen Durch- und Nebeneinander begegneten Hobijn und Stabenow mit einem eigenen Beat. So wurden diverse Dubplates gespielt, selbstproduzierte Masterschallplatten, die, für den wiederholten Gebrauch nicht gedacht, nach und nach an Qualität verloren. Nicht von einem gewöhnlichen Plattenarm abgegriffen sondern einem sogenannten Vinyl-Killer, einem mit kratzender Nadel versehenem Volkswagen-Spielzeugauto überlassen, beschleunigte sich der Prozess ihrer Zerstörung. Die wohligen Klangschleifen wurden aus den weichen Plattenrillen radiert. Den Vinyl-Killern beziehungsweise Tonabnehmern waren je kleine Sender zugeordnet, die es ermöglichten, die loops der geschlossenen Plattenrillen simultan und über die Radiogeräte in den architektonischen Raum projiziert anzuhören. Ein multipler und dichter Informationsfluss umströmte nun die Empfangsgeräte. Die miteinander „konkurrierenden“ Sendebereiche und die Mobilität der beteiligten Objekte hielten das Soundsystem in stetiger Bewegung.
Wie das Senden von Signalen in eigener Regie, so gehören auch Bewegung, Verzerrung und Erosion, das Auslöschen und Zerstören des Klangs, zum Konzept von Yokomono. Yokomono, das Staalplaat Soundsystem, ist einerseits ein geschlossenes, Autonomie bewahrendes System, da die Funktionen der technischen Komponenten vorherbestimmt sind, andererseits ist es ein offenes System, das Elemente des Zufalls einkalkuliert, Eingriffe erlaubt und ein Experimentierfeld eröffnet. Der Hörer und Beschauer von Yokomono ist „Mitspieler“ und seine Anwesenheit im Raum wie seine Bewegungen durch den Raum sind integrativer Bestandteil der installativen Arbeit.
Das einfache Prinzip des Sendens und Empfangens ist technische Grundlage und erschließt sich ästhetisch quasi in Selbstreferenz. Dabei ist die spielerische Komponente ebenso wichtig wie der Gebrauch von Apparaturen, Geräten und Gegenständen des Alltags, die scheinbar vertraut, nun in einem neuen Kontext wahrgenommen werden. Nicht nur die Präsentation im Kunstraum, auch die Häufung der Objekte und deren kompositorische Verknüpfung und Vernetzung sowie deren Manipulation tragen dazu bei.
Yokomono operiert hier mit Modelleisenbahnen, mit im Handel erhältlichen Vinyl-Killern und mit bis zu hundert Radiogeräten. Andere Varianten des Staalplaat Soundsystems benutzen zum Beispiel Staubsauger, Waschmaschinen, Wäschetrockner, Laubsägen und Drucker in großer Anzahl. Ganze „Geräte-Orchester“ musizieren und agieren, wobei nicht numerische Verfahren sondern vor allem einfache physikalische bzw. analoge Vorgänge die Steuerung übernehmen und variable Datenträger (beispielsweise Schallplatten) die Impulse geben.
Der Rekurs auf die Kunst der 60er Jahre, Fluxus-Events, Happenings und Performances ist offensichtlich, jedoch fehlen der aggressive Impetus, die aufklärerischen Gesten, die zwanghaften Beschränkungen und selbstauferlegten Setzungen sowie die politischen Manifestationen. Ebenso geht Yokomono weit über den reinen Konzeptualismus hinaus. Mit einem Augenzwinkern werden die Simplizität und das spielerische Moment aufgegriffen. Oft verbunden mit ganz persönlichen Motiven treten jenseits abgesteckter Grenzen die Arbeit mit dem Raum, der Zeit und dem Material in den Vordergrund.
Was entsteht, nennt Staalplaat auch „musique korrekt“. Erinnert wird damit an den Ingenieur, Fernmeldetechniker, Radiomacher und Experimentator Pierre Schaeffer und an dessen Mitstreiter Pierre Henry. Beide haben mit ihrer „musique concrète“ wesentlich zur Entwicklung der Elektroakustischen Musik beigetragen. Bis heute sind sie Vater- oder besser Großvaterfiguren sowohl für Komponisten und Musiker aus dem Bereich der „ernsten“ Musik wie für diejenigen der „Unterhaltungsmusik“. Die Ausstrahlung der „Concert des Bruits“ 1948 im Pariser Rundfunk war die Geburtsstunde der „musique concrète“. Schaeffer verband mit ihr ein radikal neues Musikverständnis. Die Emanzipation der Klänge und Geräusche und die Idee einer radiophonen Kunst standen im Mittelpunkt. In unmittelbarer Abhängigkeit der technischen Möglichkeiten wurden neue musikalische Strukturen und Formen gefunden, wie zum Beispiel das looping durch die geschlossene Plattenrille. Das aufgenommene und isolierte Klangmaterial wurde analysiert, systematisiert und schließlich als eigenständiges musikalisches Objekt behandelt.
Mit der Bezeichnung „musique korrekt“ persifliert Staalplaat die der „musique concrète“. Tatsächlich widerspricht Yokomono der von der „musique concrète“ geprägten Klangästhetik, der inzwischen ganze akademische Schulen anhängen.
Das Staalplaat Soundsystem bezieht im Gegensatz zur „musique concrète“ die Klangerzeugung mit ein, legt den Prozess der Entstehung der Klänge und ihrer Manipulation offen. Dabei geht es nicht um die Produktion von Musik im traditionellen Sinne, wie sie letztlich auch die „musique concrète“ hervorbrachte. Die Arbeit mit konserviertem Material ist hier sekundär, nur Mittel zum Zweck live-elektronischen Geschehens.
Das Soundsystem wird ständig verändert, modifiziert und erweitert. Zunächst aufgeführt innerhalb der Ausstellung Sound&Files im Künstlerhaus Wien (2000), fand Yokomono in der singuhr-hœrgalerie in parochial in Berlin (2001) ihre grundlegende Konstellation. Seit drei Jahren reist Yokomono durch Europa (u.a. Barcelona, Brüssel, Nante, Amsterdam) und erprobt von Ort zu Ort ihr technisches Entwicklungspotential. Ausschlaggebend sind dabei die lokalen Bedingungen und architektonischen Gegebenheiten. Ob als Klanginstallation konzipiert oder in Live-Performance präsentiert, fügt sich Yokomono in die Umgebung, strukturiert und definiert auf neue Weise Raum und Zeit. Die unterschiedlichen settings erlauben dabei die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, Musikern und Komponisten. Szenen greifen ineinander, kulturelle und ästhetische Aspekte werden entdeckt und interessante locations bespielt. So ist Yokomono auch eine Art kommunikatives Forum und wird zu einem lebendigen „Organismus“, einer Plattform künstlerischer Auseinandersetzung.
Gegenwärtig ist das Soundsystem von Yokomono soweit technisch verfeinert und perfektioniert, dass gezielt musikalische Phänomene und Klangeffekte, beispielsweise jene der Interferenzen, genutzt werden können. Entsprechend der Raumsituation werden die Radiogeräte in Gruppen arrangiert und auf bestimmte Frequenzen getuned. Es entsteht ein mehrkanaliges System, dass die Signale der Vinyl-Killer empfängt, welche je eine separate Audiospur beziehungsweise eine eigene Schallplatte spielen. Je nach Sende- und Empfangsbereich ändert sich die elektromagnetische und akustische Umgebung. Es entstehen entweder mehr statische oder mehr dynamische Klangfelder. Deren „Kartographen“ sind die Empfänger auf den Lastenwagons der hin- und herfahrenden Modelleisenbahnen. Ein Hauch von Nostalgie wird den Besucher der Klanginstallation befangen, wenn er hier einsteigt und Yokomono erkundet. Melanie Uerlings Berlin, 06.01.2004

 
     

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